Julia Hiltscher ist Herausgeberin des eSports Yearbook und Board Member beim Esports Research Network. Diversität interessiert sie sehr, weil sie findet, “es gibt kaum ein wichtigeres, übergreifendes, menschliches und kulturelles Thema, das immer irgendwie in der harten Geschäftswelt zu kurz kommt”. Wir sprechen mit ihr über ihren Werdegang, was E-Sport und Kultur miteinander zu tun haben und ob es sie nervt, gefragt zu werden, “wie das denn als Frau in der Branche so ist”.

Das Interview wurde geführt von Sarah Marie Lange und Jonathan Kemper.

Du bist die erste Frau, die einen E-Sport-Wettbewerb gewonnen hat – könntest du uns mehr darüber erzählen?

Ich war halbwegs gut in Counter-Strike zu meiner beginnenden LAN-Zeit, bin dann auch viel auf LANs gefahren und dann auf diese WWCL-Punkte (World Wide Championship of LAN-Gaming) gestoßen. Die konnte man sammeln, um sich für die World Cyber Games zu qualifizieren. Damals gab es bei “Deutschlands kranke Horde” ein Female-Team, mit dem ich Unreal Tournament trainieren konnte. So hat man auch ein bisschen Tricks auf den Maps gelernt und so weiter. Dann habe ich ein Semester Informatik in Bielefeld studiert und bin zufällig in einer WG mit Profi-UT-Spielern gelandet. Die kannten auch Lauke, kiLLu, Fatal1ty. Die waren richtig informiert, wie es international abgeht, wie und wie viel man trainieren muss und wie man sich qualifizieren und austauschen sollte.

Und dann weiß ich nur noch, wie ich auf der Cebit bei der Quali für die World Cyber Games war. Das war dann quasi die deutsche Meisterschaft. Das war damals schon ein richtig großes Ding, auf einer großen Bühne auf der Cebit, mit Anmoderation und so. Es war ähnlich wie heute, nur mit weniger Zuschauern, es waren aber schon ordentlich viele Zuschauer. Ich hatte genug Punkte gesammelt, um da auf der großen Bühne gegen ziemlich schwierige Gegner zu zocken.

Es war einfach ein erhebendes Erlebnis.

Man wusste auch so ein bisschen, welche Gegner kommen, man konnte sich ein bisschen auf die jeweiligen Gegenspieler vorbereiten. Dann ist der sono von Mousesports, der glaub ich Schweizer ist, angereist. Das wusste vorher keiner. Dann war ich im Finale auf der Bühne gegen ihn, bin dann aber nur Zweite geworden. Es war einfach ein erhebendes Erlebnis. Es gab viele Matches auf der Bühne über zwei Tage gestreckt. Erst habe ich keinen Applaus bekommen, weil mich keiner kannte. Dann habe ich plötzlich viel Applaus von den Zuschauern bekommen, weil die gesagt haben: “Hey, da ist eine Frau auf der Bühne – wie exotisch.”

Und dann haben die wirklich einmal hingeguckt. Man hat gemerkt, es kam mehr Interesse. Man hat auch ein bisschen auf den Playstyle geguckt. Wenn man gut predictet und eine Rocket gut getroffen hat, dann haben die auch wirklich applaudiert. Und ich fand es einfach toll damals, dass das ein Mixed-Turnier war. Es gab nicht Female-UT-1-on-1-Single-Competition oder so. Und das war eine geile Zeit damals sich einfach anzumelden. Und der Beste gewinnt. Das wäre völlig egal gewesen, wenn man alt genug gewesen wäre. Egal, welche Farbe man gehabt hätte, Orange, Gelb, Grün, Mann oder Frau. Du konntest einfach Punkte sammeln, dann qualifizierst du dich, du machst mit. Bei mir hat es so weit geklappt.

Es gab nicht Female-UT-1-on-1-Single-Competition oder so.

Wie passen E-Sport und Kultur zusammen?

Für mich ist das gar nicht so: “Was hat E-Sport mit Kultur zu tun?” E-Sport ist ja meine Kultur. Ich hab E-Sport mit der Muttermilch aufgesaugt, weil mir meine Eltern schon einen Computer hingestellt haben, als ich sechs Jahre alt war. Und da habe ich was drauf programmiert, gegen meinen Bruder irgendwann “Micro Machines” gezockt und so was. Dann habe ich alle von der Schule aus eingeladen, die einen Rechner hatten, was nicht viele waren. Die passten auch alle in unsere Garage und dadurch konnten wir die ersten LANs machen. Darüber zelebriert man die Kultur, die jeder in sich trägt. Welche Bücher man am liebsten liest, welche Rollenspiele man am liebsten spielt und dann eben auch, welche Computerspiele man am liebsten spielt.

Ist das jetzt ein Kulturgut, weil zwei Menschen sich darüber kennenlernen und sprechen können? Das überwindet Grenzen – in welchem Rahmen durchzieht oder durchdringt das den Kulturraum, also in welcher Art und Weise? Weil genau das ist da passiert, dass Menschen diese Spiele gespielt haben, darüber geredet haben, über ihre Lieblingsfilme geredet haben, dann im Forum darüber geschrieben haben. Dann hat vielleicht einer der Developer gesagt: “Guck mal, mein Lieblingsbuch ist “Perdido Street Station” und diese User finden das auch alle ein supergeiles Buch. Warum nehmen wir nicht die Spinne daraus und packen die irgendwie als Referenz in das Spiel? Das würde das Spiel irgendwie noch cooler machen.

Das ist einfach überwältigend, wie stark durch diese menschliche Interaktion die Spiele durchdrungen worden sind von kulturellen Referenzen. Und wie sie dann auch diese Referenzen wieder zurückspiegeln in andere Welten. Mehr braucht man dann nicht mehr, um zu zeigen, was das für Kulturträger sind, wie wichtig die für uns sind als Ausdrucksform. Das ist auch eine Besonderheit von Videospielen und E-Sport-Spielen, dass die das leisten können. Es funktioniert ja bei vielen Medien nicht in umgekehrter Weise.

Mehr braucht man dann nicht mehr, um zu zeigen, was das für Kulturträger sind.

Wenn ich jetzt ein “Tenet” mit Maske auf der Nase im Kino gucke mit drei Meter Abstand, überträgt sich nicht sofort meine Lieblingsmusik in diesen Film und vielleicht auch nicht in den nächsten zwei bis drei Monaten. Das kann aber bei einem Videospiel durchaus passieren. Dass ich jetzt Fortnite zocke und da mit anderen darüber rede, wie geil das wäre, wenn der Bus jetzt eben einer der drei Drachen aus “Game of Thrones” wäre, anstatt dass der Bus jetzt ein Bus wäre oder vielleicht mein Gleiter. Dann twittere ich einfach darüber und dann passiert das halt wirklich, dass kurze Zeit später dieser Gleiter ein Drache ist.

Wenn ich mich jetzt an einen Rechner setze und mein Spiel entwickle, dann sitze ich nicht mehr in diesem Elfenbeinturm und bin vollkommen abgeschottet, sondern ich gehe für Inspiration in meine kulturellen Lieblingsbereiche und tausche mich auch über Social Media mit Millionen Menschen aus. So komme ich auf Ideen und baue das in mein Spiel ein. Und das ist auch kommerziell das, was vielleicht mein Arbeitgeber von mir möchte. Wenn ich jetzt ein Epic Games bin und möchte viele Gleitschirme verkaufen, dann tue ich ja besser daran, wenn ich das im Sinne der Community tue, und da muss ich mich an deren kulturellen Interessen orientieren. 

Wie oft werden Frauen nur auf ihre diverse Rolle im E-Sport angesprochen – und nervt dich das? 

Das Gefühl hatte ich früher mal, weil ich bin auch selber dann ganz oft gefragt worden: “Wie ist das so für dich als Frau im E-Sport zu sein?”, “Wie ist das so für dich als Frau auf einer LAN-Party zu sein?”. Ich war ja früher auch mal in der PR-Sparte und bin auf Games-Conventions sowas gefragt worden. Und ich weiß nicht, ob es PR-Kollegen und Spielern heute noch so geht, dass sie solche platten Fragen gefragt werden, aber ich würde jetzt fast mal optimistisch vermuten, dass es nicht mehr so schlimm ist.

Wenn du jetzt online gehst und liest Interviews, merkst du, dass viele große Presseportale jetzt auch E-Sport-Experten in der Redaktion sitzen haben. Es gibt mittlerweile auch auf “Zeit” und auf “Spiegel” nicht nur so Artikel wie “Oh, was ist E-Sport?” und “Wow, eine Frau im E-Sport”, ich finde, so ist das gar nicht mehr. Ich finde, das ist jetzt heute schön, wenn man irgendwo sieht, “oh, ein Link, da ist ein Artikel auf Spiegel Online”. Dann sind das eigentlich gut recherchierte, detaillierte Artikel.

Es wird wahrscheinlich nie aufhören. Das kennt man ja. Man klickt auch mal auf einen Link mit einer Geschichte wie “oh, eine Frau ist Entrepreneur geworden, oh mein Gott”, solche Artikel gibt es. Oder “wow, sie hat zwei Kinder und trotzdem hat sie eine Firma jetzt gestartet” – solche Artikel gibt es leider, aber ich glaube das wird auch besser mit der Zeit. 

Sind reine Frauenturniere nicht eher kontraproduktiv? 

Es gibt diese Women-In-Games-Jobs-Initiative, die machen immer auch wieder Womens-Only-Tournaments und ich habe mich mit dem Schirmherren auch schon über dieses Thema unterhalten, weil ich mich das auch immer wieder frage. Wenn ein Männer-Turnier jetzt stattfindet in einem E-Sport-Titel mit hohem Preisgeld und direkt links oder rechts daneben nochmal das gleiche Turnier in Grün, da dürfen sich Frauen anmelden und das Preisgeld ist genau so hoch oder fast so hoch oder halb so hoch. Das sieht man ja auch ganz gerne Mal.

Dann fragt man sich halt, “ok, was macht das jetzt?” Kreiert das jetzt Frauenteams? Weil die sich dann sagen: “Ach, das können wir schaffen, da in die Top Acht zu kommen”, und dann entstehen dadurch überhaupt erstmal auf einer Grassroots-Ebene ein paar Frauen-Squads, die dann versuchen, da hochzukommen. Das kann schon ein Weg sein, dass die dann halt ein Squad haben mit Freundinnen, wo die sich wohlfühlen, wo die dann überhaupt erstmal versuchen, sich zu professionalisieren, und dadurch sind die überhaupt erstmal da. Dadurch kommen die dann vielleicht über die Schiene in ein Mixed-Team rein.

Das schafft natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit, dass auch Frauen Pro-Ambitionen haben und nicht nur Männer. Das kann natürlich klappen. Auf der anderen Seite wünscht man sich natürlich, dass der Weg für alle derselbe ist und dass man sich überlegt, “ach, lenken jetzt die Female-Only-Turniere vom Problem ab, und wenn es Female-Only-Turniere gibt, dann müsste es auch Turniere geben, nur für alle, die eine Katze haben, und nur für alle, die Portugal-Only, Friends-Only, Und-So-Weiter-Only, also, warum machen wir diese Trennung?” Ich persönlich, das ist jetzt nur meine Meinung, aber ich fühle mich da nicht so ganz wohl bei, wenn das auf einem Pro-Level ist. Wenn ein neuer Mega-E-Sport-Titel gerade da ist und die machen jetzt ein Ultra-halbe-Millionen Dollar-Male-Turnier und 350.000 Dollar für die Top-Acht-Female gesplittet, finde ich das irgendwie nicht schön.

Wenn ihr euch qualifiziert, qualifiziert ihr euch, bums, Ende, aus.

Aber ich könnte mir irgendwie sowas vorstellen, wie dass man Kampagnen macht, also dass man vielleicht den Nicht-Männern ein bisschen unter die Arme greift, sich zu organisieren, dass man da vielleicht so ein bisschen Infrastruktur und Wissen zur Verfügung stellt, damit sich was ausformen kann. Du kannst es nicht erzwingen, aber du kannst versuchen, das zu unterstützen. Ich würde eigentlich nicht diese Trennung machen. Und dass wir da keine Menschen als “special” bezeichnen. Also ich finde es gerade schön, wenn man was Inklusives machen kann und wenn keiner mich, was ich ja auch am Anfang des Gesprächs so gesagt habe, es geht darum, wie mit den WWCL-Punkten: Wenn du für dich entscheidest, für dich als Mensch, ich will mich qualifizieren und du dir genug Teammates holst, dass du ein vollständiges Team hast, egal wie ihr seid, wer ihr seid. Wenn ihr euch qualifiziert, qualifiziert ihr euch, bums, Ende, aus.

Ich persönlich würde ungern von diesem Weg abweichen. Dann wär es nicht mehr diese wunderschöne inklusive Eigenschaft, die der E-Sport schon in sich trägt. Warum sollte man von diesem Pfad so stark abweichen? Zu einem Zeitpunkt, wo man ja noch gestalten kann, wo man noch dafür sorgen kann, dass man nicht von diesem Pfad zu stark abweicht.

Wir sind da noch nicht am Ende angekommen und eigentlich sollten wir das. 

Was muss sich in der Branche noch ändern?

Solange Menschen in diesem Umfeld sind, und E-Sport sind halt Menschen, solange ist es nötig, dass wir dafür sorgen, dass alle, die da Teil dieser Community sein möchten, dass alle sich da auch zuhause fühlen. Weil, warum nicht? Ist für mich völlig selbstverständlich und völlig selbstverständlich, dass wir da noch nicht 100 Prozent im Wohlfühlbereich angekommen sind. Ich meine, mir ist es ja in den letzten sechs Wochen im Voicechat auch immer noch passiert: “Oh, eine Frau, eine echte Frau, also das ist krass, wirklich, stimmt das, bist du jetzt ein kleiner Junge oder bist du eine Frau?”, das passiert regelmäßig, halt nicht mehr so schlimm wie früher. Ne, wir sind da noch nicht am Ende angekommen und eigentlich sollten wir das. 

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