Benedikt Wenck ist 34 Jahre alt und arbeitet bei der Deutschen Presse-Agentur als E-Sport-Koordinator. “Das bedeutet, dass ich quasi so eine Stelle habe zwischen Redakteur und Produktmanager und dort vor allem koordiniere, was wir in unserem E-Sport-Produkt veröffentlichen.” Sein Team besteht aus freien Mitarbeiter:innen. Er schreibt natürlich auch selber, ist aber hauptsächlich dafür verantwortlich, dass das Produkt weiterentwickelt wird. Wir fragen ihn unter anderem, wie man eigentlich E-Sport-Journalist:in wird, ob man dafür gut im Zocken sein muss und wie das Team entscheidet, welche Spiele es abdeckt.

Das Interview wurde geführt von Sarah Marie Lange und Jonathan Kemper.

Wie bist du dazu gekommen? 

Was diese Sport- oder E-Sport-Berichterstattung angeht, bin ich eigentlich Quereinsteiger, weil ich immer Radio machen wollte. Ich habe nach dem Abi ganz viele Praktika gemacht und bin dann im Radio hängen geblieben, weil ich dieses Medium sehr faszinierend finde. Ich habe Politikwissenschaft studiert, weil mir damals gesagt wurde: “Studier bloß nicht Journalismus! Du willst ja später über Dinge und nicht über Journalismus berichten.”

Das habe ich dementsprechend gemacht, bin nach dem Studium für ein Volontariat bei der Deutschen Presse-Agentur nach Berlin gegangen. Ich hatte im Endeffekt eine crossmediale Ausbildung. Ich wurde im Videos machen ausgebildet, habe ganz normal in den großen Basisressorts der dpa-Redaktionen gearbeitet – im Sport aber nicht. Das ist die Pointe. Ich hatte das immer ausgeklammert, weil ich dachte: “Sport, ich kenne mich da nicht aus, ich habe keine Ahnung von Fußball oder Tennis”, und bin deswegen nicht in die Sportredaktionen gegangen. Hätte ich es mal gemacht.

Ich bin nicht in die Sportredaktionen gegangen. Hätte ich es mal gemacht.

Ich war nach dem Volo längere Zeit freier Mitarbeiter in verschiedenen Redaktionen. Dann gab es in der dpa eine Arbeitsgruppe, genauer gesagt in der dpa-Infocom, der Digitaltochter der dpa, wie die dpa über E-Sport berichten kann. Das entstand vor allem in einer Redaktion, die sich “Sportsline” nennt. Die haben das ausgearbeitet, da ein Projekt gestartet und das schon relativ weit entwickelt. Sie haben da mit einem Start-up namens “The Shotcaller” zusammengearbeitet, das für uns Inhalte produziert hat. Das waren Darius Matuschak und Alexander Hugo.

Sie haben jemanden gesucht, der sich wirklich ein bisschen damit auskennt und das betreibt, weil die Leute, die das entwickelt haben, entweder aus der technischen Richtung oder aus dem Sportbereich kamen. Die haben jemanden gesucht, der ein Interesse für E-Sport mitbringt und haben mich gefragt, ob ich Bock hätte, das zu machen. Da konnte ich nicht nein sagen – und seit 2018 mache ich das jetzt. 

Könnt ihr die gesamte E-Sport-Szene abdecken? 

Schwierige Frage, weil da ist die große Frage: “Was ist eigentlich alles E-Sport und welche Disziplinen, welche Bereiche sind berichtenswert?” Wir haben als dpa eine relativ hohe Nachrichtenschwelle, auch in anderen Bereichen. Das heißt, die Dinge über die wir berichten, sind schon eher die wichtigeren Sachen.

Wir haben eine grobe Auswahl an Disziplinen getroffen, über die wir berichten. Das sind die größten, die man so hat: Counter-Strike, League of Legends, Dota, FIFA, das sind so die vier großen. Ich bin ein großer Starcraft-Fan. Gerade mit der Historie und mit der historischen Relevanz, die dieses Spiel hat, ist für mich immer noch wichtig, dass darüber berichtet wird. Das ist auch einfach immer noch eine sehr aktive Szene.

Call of Duty ist zum Beispiel für den deutschen Markt nicht so relevant wie für den nordamerikanischen. 

Dann haben wir ein paar Titel, die nicht ganz so regelmäßig stattfinden, über die wir aber trotzdem berichten. Da gehören zum Beispiel Rainbow Six und Rocket League dazu, PUBG ein bisschen. Jetzt neu dazugekommen ist natürlich Valorant. Es ist schon eine gewisse Breite, die es da gibt. Wir versuchen uns an dem zu orientieren, was im deutschen Markt funktioniert und was Interesse bringt. Call of Duty ist zum Beispiel für den deutschen Markt nicht so relevant wie für den nordamerikanischen. 

Wie entscheidet ihr darüber, über welche Titel ihr berichtet?  

Ich glaube das, was auf der einen Seite ausschlaggebend ist: “Wie viele Leute spricht das an, wie schauen die Zuschauer:innen-Zahlen aus?” Aber auf der anderen Seite auch: “Was für Geschichten finden da statt?” Wenn es zum Beispiel eine coole Geschichte aus Smash gibt, können wir das gerne machen, wenn mir das vorgeschlagen wird. Wir als E-Sport-Redaktion sind sehr offen, auch über Dinge zu berichten, die nicht von einer Million Menschen geguckt werden. Aber wir müssen uns da irgendwie einschränken, weil du deine Linien finden und beschränken musst, über was du berichtest. Sonst wirst du nie fertig. 

Wir als E-Sport-Redaktion sind sehr offen, auch über Dinge zu berichten, die nicht von einer Million Menschen geguckt werden.

Haben es E-Sport-Journalisten im Vergleich zu regulären in der Corona-Zeit einfacher? 

Wir haben uns auf jeden Fall nicht so schwer getan, Geschichten zu finden, die abseits sind von “etwas findet nicht statt, weil Corona”. Vor allem in der Anfangsphase. Wir konnten eigentlich relativ, relativ normal weitermachen, wie das vorher auch ging. Aber ein großer Aspekt, dass man auf Events geht und vor Ort ist, das fällt halt leider einfach weg. 

Was können E-Sport- und Sport-Ressort voneinander lernen? 

Sehr viel, sehr, sehr viel. Ich glaube, dass der E-Sport-Journalismus sich noch viel mehr vom Sportjournalismus abgucken kann, weil die Geschichten ähnliche sind. Es geht genauso um die Underdogs, die sich nach oben kämpfen, es geht genauso um die großen Stars, die vielleicht supergut performen oder mal ein schlechtes Jahr haben, es geht um Transfers… es gibt ganz, ganz viele ähnliche Themen und auch ganz viele ähnliche Problemfelder.

Was die Sportberichterstattung vom E-Sport lernen kann? Ich glaube, mehr Offenheit für Themen. Aber ich glaube der E-Sport-Journalismus kann noch mehr vom Sportjournalismus lernen als umgekehrt, weil es den einfach schon viel länger gibt. Und, dass Sportjournalist:innen sehr gute E-Sport-Journalist:innen wären oder sind, weil sie diese Geschichten eben schon kennen. 

Warum wird über Gaming so emotional diskutiert?

Generell dieses Gaming-Thema ist etwas, was sehr spaltet. Daran sind viele verschiedene Leute oder Gruppen dran schuld. Da sind Leute, die sich von außen nicht genug damit auskennen und darüber Dinge sagen. Gruppen, die in dieser Gaming-Bubble sind, die sich vielleicht nicht immer ordentlich verhalten. Das Publikum da ist auch zu großen Teilen ein schwieriges.

Es ist für viele Leute immer noch ein sehr polarisierendes Thema.

Es ist für viele Leute immer noch ein sehr polarisierendes Thema. Das, was ich privat oder im beruflichen Kontext oft gefragt werde, ist eher so: “Hey, mein Sohn, der sitzt die ganze Zeit vor dieser Kiste und ich weiß nicht was ich machen soll.” Das, was ich dann immer sage, ist: “Ja setz dich doch mal hin, guck mal zu und unterhalte dich mit ihm darüber. Schau mal, was er da macht und interessiere dich einfach mal dafür. Dann kannst du dich mit deinem Kind auseinandersetzen, wie er damit umgeht.”

Meistens haben die Kids ja irgendwie auch selber ein Gespür dafür und sagen, wenn man die fragt: “Hey, was denkst du denn, was cool ist, wie lange du so am Tag zocken kannst?” Dann sagen dir die Kinder in der Regel schon eine Zeit, die normal ist. Die sagen ja nicht “acht Stunden”. Die haben ja auch irgendwie ein gesundes Verhältnis selber dazu. Dann muss man halt mit den Kids reden.

Ich glaube aber auch, dass diese Haltung, dieses Von-außen-drauf-gucken, dieses Kritisch-sein, mit der Zeit verschwindet. Wir müssen einfach noch 20 Jahre warten und dann wird diese Gruppe, die von außen und ohne Wissen darüber spricht immer kleiner, weil die Leute immer älter werden und Leute nachkommen, die damit aufgewachsen sind.  

Wir müssen einfach noch 20 Jahre warten.

Müssen E-Sport-Journalist:innen mehr Journalist:innen oder mehr Gamer:innen sein? 

Ich glaube, das kann man so nicht pauschalisieren. Du musst aus einer Richtung kommen. Wenn du ein guter Journalist oder eine gute Journalistin bist, dann kannst du dich sowieso in Themen einarbeiten. Dann kannst du dich auch in den E-Sport einarbeiten. Das ist zugegebenermaßen ganz schön komplex, wenn man da so ohne Vorwissen reingeht, weil es sehr viel Jargon und sehr viele Plattformen gibt, auf denen man so vielleicht nicht unterwegs ist. Reddit oder die Wiki-Seiten für die einzelnen E-Sports sind total relevant. Damit muss man umgehen, auch wenn man es vielleicht nicht sofort durchsteigt. Das ist schon ein Aufwand, sich da reinzuarbeiten.

Allerdings: Da nur als reiner Gamer oder reine Gamerin ohne journalistisches Vorwissen reinzugehen, ist auch schwierig. Ich glaube, es ist für den Einstieg in diesen Bereich besser, sich sehr gut in einem Spiel als mit dem Journalismus auszukennen, weil dir die Redaktionen den Journalismus besser beibringen können als den E-Sport. Da gibt es schlicht und einfach weniger Expertise. 

Es hilft, wenn man gut ist, aber man muss nicht gut sein.

Muss man ein:e “gute:r” Gamer:in sein, um darüber zu berichten? 

Es hilft, wenn man gut ist, aber man muss nicht gut sein. Ich glaube nicht mal, dass man es unbedingt gespielt haben muss, aber man muss es verstehen. Ich glaube auch, dass ganz viele Themen eher aus menschlichen Geschichten bestehen. Aus Menschen, die da sind und aus Persönlichkeiten, die da auf einer Bühne stehen (oder im Moment an ihrem Rechner zuhause). Ich glaube, dass das eigentlich das Relevante ist und auch das ist, was die Leute mehr interessiert als wie genau die Spielzüge funktioniert haben und was für einen krassen Move jetzt gerade Rekkles bei der WM gemacht hat. Das ist cool, wenn du es im Video siehst oder live erlebst. Aber ich glaube, es ist gar nicht mal so interessant, wenn du das nacherzählt in einem Text liest. Deswegen konzentrieren wir uns eher auf diese menschlichen Geschichten. 

Was sind deine Tipps für angehende E-Sport-Journalist:innen? 

Redet mit den Leuten! Nehmt nicht irgendwelche Tweets und berichtet darüber, sondern versucht mit den Leuten zu sprechen. Das ist nicht immer ganz so einfach, weil manche Leute und Gruppen im E-Sport sehr verschlossen sind. Aber versucht, mit den Leuten zu reden und darüber eure Texte zu erstellen, weniger über Social Media, auch wenn es einfacher ist. Das ist wichtig: Mit den Leuten sprechen. 

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